S.N.B. on Trails

Das Versprechen im Sandkasten

Die warme Nachmittagssonne tauchte den kleinen Spielplatz in ein goldenes Licht. Zwischen Klettergerüst und Schaukel saßen zwei fünfjährige Kinder im Sand und bauten hochkonzentriert an einer Burg. 

Alya strich sich eine sandige Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie war ein aufgewecktes Mädchen, das in einem lauten, lebhaften Haushalt aufwuchs – mit zwei wilden, älteren Brüdern und einer Mutter, deren Bauch kugelrund war, weil bald noch eine kleine Schwester zur Welt kommen sollte. Sören hingegen war ein Einzelkind. Für ihn war Alya nicht nur eine Spielgefährtin, sie war seine beste Freundin und sein Ruhepol. 

„Weißt du was, Sören?“, fragte Alya plötzlich und drückte einen kleinen Ast als Fahne auf die Sandburg. „Was denn?“, antwortete er und sah zu ihr auf. „Wenn wir groß sind, wohnen wir in genau so einer Burg. Wir bleiben für immer Freunde. Versprochen?“ Sie hielt ihm ihren kleinen, sandigen Zeigefinger hin. Sören lächelte breit, hakte seinen Finger in ihren und nickte eifrig. „Für immer und ewig, Alya!“ 

Doch das „Für immer“ wurde schon wenige Wochen später auf die Probe gestellt. Alyas Mutter hatte beschlossen, mit den Kindern aus der Kleinstadt wegzuziehen. Am Tag des Abschieds standen die beiden weinend am Auto. Sören hielt Alyas Hand fest umklammert. „Ich werde dich finden, Alya!“, rief er ihr nach, als sie schließlich ins Auto steigen musste. „Irgendwann finde ich dich, und dann spielen wir wieder zusammen!“ 

Neun Jahre später 

Die Zeit war nicht spurlos an Sören vorbeigegangen. Aus dem fröhlichen Jungen von damals war ein ruhiger, in sich gekehrter Vierzehnjähriger geworden. Das Schicksal hatte hart zugeschlagen: Vor drei Jahren waren seine Eltern bei einem schweren Autounfall ums Leben gekommen. Seitdem lebte er bei seinen Großeltern. Er hatte gelernt, nicht aufzufallen und sich unsichtbar zu machen – besonders in der Schule. 

Es war eine regnerische große Pause, und die meisten Schüler drängten sich in den Fluren. Sören lehnte an seinem Spind, als er laute, höhnische Stimmen aus dem angrenzenden Klassenzimmer hörte. 

„Guck dir mal deine Schuhe an. Hast du die aus dem Müll gefischt?“, ätzte eine aggressive Jungenstimme. „Lass mich einfach in Ruhe, Leon“, erwiderte eine zitternde Mädchenstimme. 

Sören spitzte die Ohren. Er mochte keine Ungerechtigkeit. Als er um die Ecke spähte, sah er drei Jungen, die ein zierliches Mädchen in die Ecke gedrängt hatten. Einer der Jungs stieß sie grob an der Schulter, sodass ihr Rucksack zu Boden fiel und der Inhalt sich verstreute. 

Etwas in Sören zog sich zusammen. Ohne nachzudenken, stieß er sich von der Wand ab und trat mit festen Schritten in den Raum. Er stellte sich schützend vor das Mädchen und starrte Leon, den Anführer, wütend an. 

„Hey!“, rief Sören mit einer Härte in der Stimme, die er selbst selten an sich kannte. „Packt eure Sachen und verschwindet. Lasst sie in Ruhe!“ 

Leon schnaubte abfällig. „Was willst du denn, du Psycho? Komm, Jungs, lass die blöde Alya doch in Ruhe rumheulen. Die ist die Zeit nicht wert.“ 

Die Jungen zogen ab. Sören stand da, als hätte ihn der Blitz getroffen. Alya? Sein Herz begann plötzlich wild zu schlagen. Langsam drehte er sich um. Das Mädchen kniete auf dem Boden und sammelte hastig ihre Stifte ein. 

„Alles in Ordnung bei dir?“, fragte Sören leise und kniete sich zu ihr hinab, um ihr ein Notizbuch zu reichen. 

Als sie den Kopf hob und ihn aus großen, verweinten Augen ansah, stockte ihm der Atem. Die Gesichtszüge waren älter geworden, das Gesicht schmaler, aber diese Augen hätte er überall wiedererkannt. Es war wirklich seine Alya. Das Mädchen aus dem Sandkasten. Sie erkannte ihn jedoch offensichtlich nicht – für sie war er nur der stille Mitschüler, der ihr gerade geholfen hatte. 

„Danke“, flüsterte sie und nahm ihm das Buch ab. „Das... das hättest du nicht tun müssen. Leon hat es jetzt bestimmt auch auf dich abgesehen.“ 

„Das ist mir egal“, sagte Sören. Ein warmes Lächeln stahl sich auf seine Lippen – das erste ehrliche Lächeln seit sehr langer Zeit. Er wusste, dass er sie nicht sofort mit der Vergangenheit überfallen durfte, um sie nicht zu verschrecken. Aber eines stand für ihn in diesem Moment fest: Er hatte sein Versprechen gehalten. Er hatte sie gefunden. 

„Ich bin übrigens Sören“, sagte er sanft und reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen. Alya zögerte kurz, doch dann legte sie ihre Hand in seine. „Alya. Freut mich, Sören.“ 

Während er ihr auf die Beine half, dachte er nur an eines: Diesmal lasse ich dich nicht mehr gehen, Alya. Wir fangen einfach noch mal von vorne an. 

Der Weg im Regen 

Der Regen prasselte unermüdlich auf den Asphalt, als die Schulklingel endlich das Ende des Tages verkündete. Alya stand unschlüssig unter dem Vordach des Schulgebäudes, die Arme fröstelnd um sich geschlungen. Sie hatte ihren Regenschirm vergessen. 

Plötzlich spürte sie, wie sich ein Schatten über sie legte, und das Trommeln des Regens klang plötzlich gedämpft. Sören stand neben ihr, einen großen, schwarzen Schirm über sie beide haltend. 

„Komm“, sagte er nur leise und deutete mit dem Kopf in Richtung Straße. „Ich begleite dich.“ 

Schweigend liefen sie nebeneinander her. Es war keine unangenehme Stille, sondern eine, die Geborgenheit ausstrahlte. Als sie schließlich vor Alyas Haus ankamen, trat sie unter das schützende Vordach ihrer Haustür. Sie drehte sich zu ihm um, den Blick leicht gesenkt. 

„Danke, Sören“, murmelte sie. „Für den Schirm. Und… für vorhin in der Pause. Das war echt mutig.“ 

Sie wollte sich gerade umdrehen und ins Haus gehen, als Sören noch einmal das Wort ergriff. Seine Stimme klang fest, aber mit einem nervösen Unterton. „Morgen… morgen hole ich dich ab und wir laufen zusammen zur Schule!“, platzte es aus ihm heraus. Er schluckte kurz und fügte hinzu: „Was hältst du davon?“ 

Alya hielt in der Bewegung inne. Sie drehte sich wieder zu ihm um, und in ihren Augen lag eine Mischung aus Verwunderung und tiefem Selbstzweifel. „Warum?“, fragte sie leise, und ihre Stimme zitterte leicht. „Warum willst du überhaupt etwas mit mir zu tun haben? Siehst du nicht, dass ich absolut nichts zu bieten habe? Ich bin doch nur die Zielscheibe für alle anderen.“ 

Sören trat einen halben Schritt näher an sie heran. Sein Blick war so warm und aufrichtig, dass Alya unwillkürlich den Atem anhielt. Er dachte an die kleine Sandburg, an den winzigen Finger, der sich in seinen verhakt hatte. 

„Ich habe ein Versprechen zu halten, Alya“, antwortete er sanft, wobei ein kleines Lächeln seine Lippen umspielte. „Bis morgen!“ 

Ohne eine weitere Erklärung drehte er sich um und verschwand im Regen, während Alya wie angewurzelt auf der Fußmatte stehen blieb. 

Das Geheimnis des alten Freundes 

Alya verbrachte den gesamten restlichen Nachmittag in Gedanken versunken. Sie saß auf ihrem Bett, starrte aus dem Fenster und ließ Sörens Worte immer wieder in ihrem Kopf kreisen. 

Ein Versprechen?, dachte sie stirnrunzelnd. Wer ist dieser Junge nur? Und von was für einem Versprechen spricht er? Sein Name, Sören, klang irgendwie vertraut, aber sie konnte ihn nicht greifen. Er war wie ein Echo aus einer Zeit, die schon viel zu lange zurücklag. Trotz der Verwirrung machte sich ein ungewohnt warmes Gefühl in ihrer Brust breit. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich nicht völlig allein. 

Am nächsten Morgen war der Regen verschwunden. Pünktlich auf die Minute stand Sören vor Alyas Haustür. Er holte gerade tief Luft, um zu klingeln, als die Tür plötzlich von innen aufgerissen wurde. 

Vor ihm standen Alyas zwei ältere Brüder – beide mittlerweile groß, breitschultrig und mit einem überaus ungemütlichen Gesichtsausdruck. Sie musterten Sören von oben bis unten. 

„Du bist doch einer von denen aus ihrer Schule, oder?“, knurrte der Ältere der beiden, verschränkte die Arme vor der Brust und baute sich bedrohlich auf. Der Jüngere nickte grimmig. „Wenn du zu diesen Idioten gehörst, die unsere Schwester immer mobben, dann kannst du gleich wieder umdrehen. Zisch ab, bevor wir ungemütlich werden!“ 

Sören wich keinen Millimeter zurück. Er sah den beiden direkt in die Augen. „Ich bin keiner von diesen Typen“, sagte er ruhig und klar. „Ganz im Gegenteil. Ich bin Sören. Sören aus dem Sandkasten. Der mit der Burg.“ 

Die Gesichtszüge der beiden Brüder entgleisten augenblicklich. Der bedrohliche Ausdruck wich völliger Verblüffung. 

„Sören?“, rief der Ältere aus und starrte ihn an, als hätte er einen Geist gesehen. „Unser kleiner Sören? Der damals immer bei uns abgehangen hat?“ „Genau der“, sagte Sören mit einem schiefen Grinsen. 

Ein breites Lächeln breitete sich auf den Gesichtern der Brüder aus. Der Jüngere schlug Sören freundschaftlich auf die Schulter. „Wahnsinn, Junge! Du bist ja riesig geworden!“ „Alya wird Augen machen!“, lachte der Ältere, hielt dann aber plötzlich inne. Er zwinkerte Sören verschwörerisch zu. „Weißt du was? Wir verraten ihr unser Glück noch nicht. Das musst du selbst machen, wenn die Zeit reif ist.“ 

Sören nickte dankbar. „Das ist ein guter Plan.“ 

Hinter den Brüdern ertönten Schritte auf der Treppe. Alya war auf dem Weg nach unten. Die beiden Jungs griffen nach ihren Rucksäcken, drängten sich an Sören vorbei nach draußen und warfen ihm im Vorbeigehen noch einen ernsten, aber herzlichen Blick zu. 

„Pass gut auf sie auf, Sören!“, sagten sie fast unisono. „Wir sehen uns!“ 

Als die Brüder in Richtung Schule verschwanden, trat Alya aus der Tür. Sie sah ihren Brüdern verwirrt hinterher und richtete dann ihren Blick auf den Jungen, der ihr am Vortag ein Versprechen gegeben hatte. 

Der gemeinsame Schulweg 

Als Alya schließlich die Haustür hinter sich ins Schloss zog, wartete Sören bereits auf dem Gehweg. Die Herbstsonne schickte ihre ersten zaghaften Strahlen durch die Wolken, und als Sören sie sah, leuchtete sein Gesicht auf. Nebeneinander machten sie sich auf den Weg. Es war ein ruhiger Spaziergang, doch die Atmosphäre zwischen ihnen wirkte erstaunlich vertraut. 

„Gestern war übrigens mein allererster Tag an der Schule!“, erzählte Sören ihr plötzlich und brach das Schweigen mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht. „Ich hatte nur Termine im Sekretariat. Heute wird mir endlich meine feste Klasse zugewiesen.“ Er sah sie von der Seite an und seine Augen blitzten auf. „Wenn ich weiß, wo ich hingehöre, werde ich dich in der großen Pause suchen, einverstanden?“ 

Alya sah ihn einen Moment lang überrascht an, dann zwang sie sich zu einem kurzen, unsicheren Lächeln. „Klar“, murmelte sie leise. 

Während sie weitergingen, wanderte ihr Blick starr auf das Pflaster vor ihr. Er muss wohl verrückt sein, dachte sie bitter bei sich. Er kennt mich doch noch gar nicht richtig. Lass ihn erst einmal sehen, wie die anderen hier mit mir umgehen... Wenn er merkt, dass ich die absolute Außenseiterin bin, wird er mir ganz schnell den Rücken zukehren, genau wie alle anderen. Der Gedanke schnürte ihr leicht die Kehle zu, doch sie hatte längst gelernt, nicht zu viel zu erhoffen. 

Die Überraschung im Klassenzimmer 

Wenige Zeit später saß Alya auf ihrem gewohnten Platz in der hinteren Reihe. Der Stuhl neben ihr war, wie immer, leer – niemand wollte freiwillig neben der Zielscheibe der Klasse sitzen. Sie holte gerade ihr Heft aus der Tasche, als ihr Klassenlehrer, Herr Lehmann, ans Pult trat und sich räusperte. 

„Guten Morgen zusammen, Ruhe bitte!“, rief er über das Gemurmel der Schüler hinweg. „Bevor wir anfangen: Heute bekommen wir einen neuen Schüler in unserer Klasse.“ Er wandte sich zur noch offenen Tür. „Sören, tritt doch bitte herein!“ 

Alyas Herz setzte für einen Schlag aus. Sie hob abrupt den Kopf. Tatsächlich – da trat der große Junge mit den ruhigen Augen durch den Türrahmen. Er wirkte gelassen, während er sich vor die Klasse stellte, doch sein Blick huschte blitzschnell durch den Raum, bis er Alya fand. Ein winziges, kaum merkliches Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. 

„Hallo zusammen“, begann er mit fester Stimme. „Ich bin Sören. Sören Wagner.“ 

Wagner. Der Name traf Alya wie ein Blitzschlag. Die verschwommenen Erinnerungen, die sie seit gestern Abend gequält hatten, setzten sich plötzlich zu einem klaren Bild zusammen. Der kleine Junge aus dem Sandkasten. Der Einzelsohn. Der Junge, dem sie vor neun Jahren weinend hinterhergewinkt hatte. 

„Das ist Sören... von früher!“, murmelte sie fassungslos vor sich hin. Eine plötzliche Hitze stieg in ihre Wangen auf, und sie spürte, wie sie bis über beide Ohren errötete. Sie konnte ihren Blick nicht von ihm abwenden. Er war es wirklich. Er hatte sein Versprechen tatsächlich nicht vergessen. 

„Schön, dass du bei uns bist, Sören“, sagte Herr Lehmann freundlich und riss Alya aus ihren Gedanken. Der Lehrer blickte sich im Raum um und deutete dann zielsicher in Alyas Richtung. „Setz dich doch einfach neben Alya auf den freien Platz! Dann hast du direkt Anschluss.“ 

Ein Raunen ging durch die Reihen, und Leon, der ein paar Tische weiter saß, schnaubte abfällig. Doch Sören ignorierte die Blicke der anderen völlig. Mit zielstrebigen Schritten steuerte er auf Alyas Tisch zu, zog den Stuhl zurück und ließ sich neben ihr nieder. 

Er sah sie von der Seite an, und sein Lächeln war nun unverkennbar. „Guten Morgen, Nachbarin“, flüsterte er leise, bevor er seinen Rucksack öffnete. 

Herr Lehmann klatschte in die Hände. „Gut, dann schlagt bitte eure Bücher auf Seite vierunddreißig auf...“ 

Die Stunde fing an, doch für Alya war an Unterricht an diesem Morgen kaum noch zu denken.

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